Kluge Köpfe ohne Perspektive

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sabato 21 marzo 2015

Fast täglich sprechen mich Kandidaten darauf an, ob ich auch Jobs in Deutschland, Österreich oder der Schweiz vermittle oder ob ich ihnen eine seriöse Agentur empfehlen könne. Die wirtschaftliche Situation: Rezession, Arbeitslosigkeit und ungewisse Zukunftsperspektiven, zwingt immer mehr Italiener dazu, ihrer Heimat den Rücken zu kehren. Laut der nationalen Statistikbehörde ISTAT waren es allein im vergangenen Jahr über 82.000 Menschen, im Vergleich zum Vorjahr, um gut 21 Prozent mehr. Und es sind in erster Linie Personen mit einem mittleren bzw. einem höheren Bildungsgrad, welche das Land verlassen. Das Problem ist dabei nicht, dass diese Leute ins Ausland gehen, das Problem ist vielmehr, dass sie nicht mehr zurückkehren wollen! Italien biete einfach zu wenig Anreize; Anreize vor allem für junge hochtalentierte und hochmotivierte Arbeitskräfte. Und wer sich dennoch zu einer Rückkehr entschließt, sitzt meist schnell wieder auf gepackten Koffern, um das Land schnellstens wieder zu verlassen.

Wo aber liegen die Gründe für diese besorgniserregende Situation? Die Nettoeinkommen sind in den vergangenen Jahren kontinuierlich gesunken, die Zahl der Zeitverträge hat im Vergleich zu unbefristeten Festanstellungen stark zugenommen. 30 Prozent aller neu abgeschlossenen Verträge sind heute auf einige Monate oder maximal ein Jahr befristet. Das heißt, sie bieten nicht den in Italien üblichen Tausch von niedrigem Gehalt gegen hohe Arbeitsplatzsicherheit, sondern ein niedriges Gehalt und keine Sicherheit. Der italienische Arbeitsmarkt ist damit unattraktiver geworden, und wer die nötigen Qualifikationen hat, um ins Ausland zu gehen, der tut dies auch. Die wenigsten kommen zurück; sie stellen das in Italien erworbene Know-how stattdessen anderen Ländern zur Verfügung. Die italienischen Medien nennen das Phänomen "Flucht der Talente", denn es gehen die Besten. Nämlich nur sie haben auch eine realistische Chance im internationalen Wettbewerb.

Erst kürzlich hatte ich einen jungen Bauingenieur aus Trient bei mir im Büro: perfekt dreisprachig, arbeitswillig/hungrig, bodenständig und die besten Noten. Wir hatten ein sehr intensives Gespräch. Am Ende dieses einstündigen Gespräches schaut er mir in die Augen und fragt mich, ob er mir seine ehrliche Meinung zur derzeitigen Situation in Italien mitteilen dürfe. Ich ermutigte ihn dazu, da ich sehr neugierig war. Er machte folgende Feststellung: „Ich habe mit Italien abgeschlossen! Jungakademiker werden in Italien doch nur als Bürde, oft sogar als Belästigung empfunden. Wer Initiative ergreift und etwas ändern will, werde im italienischen Berufsalltag oft behindert. Du hörst von allen Seiten, dass du nur im Ausland Chancen hast. Es fühlt sich so an, als ob man aus dem eigenen Land hinausgejagt wird. Im Nachbarland verdient ein Uni-Absolvent bei einer internationalen Firma als Einstiegskraft mehr, als er bei den angesehensten Unternehmen Italiens nach vielen Jahren als Angestellter verdienen würde.“ Er fügt am Ende seiner Feststellung noch an, dass er mit dieser Meinung nicht alleine dastehe, sondern, dass viele seiner Studienkollegen und Bekannten es ganz ähnlich sehen würden. Ich war erschrocken und sprachlos! Ist unser Land wirklich dabei, seine zukünftige Elite zu verlieren? Es sieht echt danach aus. Steuererleichterungen oder aber leicht steigende Gehälter reichen lange nicht mehr aus. Und viele Italiener haben auch große Zweifel daran, ob die erst kürzlich seitens der Regierung getroffenen Maßnahmen in der Lage sind, diesen Trend überhaupt aufzuhalten. Wir benötigen dringend vor allem größere Transparenz, die Anwendung des Prinzips der Leistung und der Nachhaltigkeit aber auch strukturelle Reformen. Das Ausmaß des Phänomens erinnert an die Emigrationswelle der 1960er-Jahre. Doch anders als damals wandern heutzutage viele junge Akademiker aus. Rund 30 Prozent der Italiener, die sich entscheiden, ihr Land zu verlassen, haben einen Universitätsabschluss in der Tasche, ein weiteres Drittel hat die Matura gemacht. Wir haben in Italien, was das Humankapital betrifft, die besten Voraussetzungen. Italien hat in vielen Bereichen exzellente Köpfe! Nur müssen wir sicherstellen, dass dieselben Italien „dienen“ und nicht ihr Wissen anderen Ländern zur Verfügung stellen.



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