Nein, lieber doch nicht

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Freitag, 22. April 2016

Arbeitsmarkt – Warum es für Unternehmen und öffentliche Verwaltung mitunter schwer ist, kompetente Mitarbeiter für leitende Positionen zu finden

Nein, lieber doch nicht …

Ist erst einmal der passende Kandidat für eine ausgeschriebene Stelle gefunden und der Arbeitsvertrag unterschriftsreif, kann der Arbeitgeber aufatmen. Mitnichten! Immer öfter kommt es vor, dass ausgewählte Bewerber kurzfristig abspringen.

 
Bozen – Es ist das altbekannte Dilemma: Für bestimmte Positionen fehlen Südtirols Wirtschaft die (hoch-)qualifizierten Mitarbeiter bzw. sind die geeigneten Kandidaten äußerst rar. Und so kommt es vor, dass die heimischen Unternehmen um die wenigen Fähigen, die der Arbeitsmarkt hergibt, heftig buhlen. „Das wissen auch die Arbeitnehmer sehr genau“, sagt Hannes Mair, Inhaber der Personalberatung „look4u“. Das führe für Personalvermittler wie ihn, aber auch für die Personalabteilungen von Betrieben zu einem mühsamen Hin und Her, das viel Zeit und personelle Ressourcen – und damit auch Geld – in Anspruch nehme.
„Seit einigen Jahren kommt es vermehrt vor, dass sich geeignete Anwärter auf Stellenausschreibungen melden, die gesamte Bewerbungsprozedur durchlaufen – inklusive mehrerer Gespräche und Zusagen für das gewünschte Gehalt sowie anderer Sonderleistungen. Doch dann springen sie kurz vor oder sogar erst nach der Vertragsunterzeichnung beim ‚neuen‘ Arbeitgeber noch ab“, so Mair.
Es gäbe gar Arbeitnehmer, die dieses Spiel in mehr oder minder regelmäßigen Abständen spielten. „Ein Beispiel: Es gibt einen tüchtigen jungen Einkäufer, der sich ungefähr im Zweijahresrhythmus auf ausgeschriebene Stellen bei uns meldet. Dabei ist er stets einer der wenigen, wenn nicht der einzige qualifizierte Bewerber. Dass es nur einen guten Kandidaten für eine Stelle gibt, kommt öfter vor, als man meinen möchte“, so Mair. Doch sobald besagter Bewerber und das jeweilige Unternehmen handelseinig seien und es um die Vertragsunterzeichnung gehe, springe er stets ab.
Auch von Unternehmern höre er immer wieder, dass sich Personen für eine Stelle bewerben, die Übernahme derselben zusagen und es sich dann doch noch anders überlegen. Warum manche Arbeitnehmer so handeln, erklärt der Personalberater folgendermaßen: „Es gibt beim derzeitigen Arbeitgeber eine Situation, die den Mitarbeiter unzufrieden macht, deshalb bewirbt er sich andernorts.“ Doch im Laufe des Bewerbungs- bzw. Neuanstellungsprozesses beruhigt sich die Situation wieder, sodass das Neue, das Unbekannte doch wieder gegen das Bewährte verliert.
Vielleicht ist es für manchen auch wichtig, den eigenen Marktwert zu erfahren und die beruflichen Chancen auszuloten. Andere, weiß Mair, würden den unterschriftsreifen Vertrag inklusive Angabe des höheren Gehalts als Druckmittel verwenden. „Mit dem neuen Vertrag – oder viel mehr mit dem darin schwarz auf weiß angeführten ausgehandelten höheren Gehalt – gehen sie dann zum ‚alten‘ Chef, um wiederum Gehaltsverhandlungen zu führen. Ganz nach dem Motto: ‚Schau mal, was ich denen wert bin. Das müsste ich dir doch auch wert sein. Und wenn nicht, dann wechsle ich eben.‘“
Häufig würden Unternehmer den betreffenden Mitarbeiter in solchen Fällen am liebsten ziehen lassen. „Einige Unternehmer fühlen sich nämlich erpresst, wenn ein Mitarbeiter kommt und sagt: ‚Wenn du mir nicht das und das und das gibst, dann gehe ich‘“, sagt Mair. „Zugleich müssen sie das Spiel mitspielen, weil sie wissen, wie schwer sie sich tun würden, einen neuen fähigen Mitarbeiter für bestimmte Stellen zu finden.“
In der Privatwirtschaft kommt es demnach immer öfter vor, dass Bewerber den Job, den sie scheinbar haben wollten, schlussendlich nicht annehmen. In der öffentlichen Verwaltung scheint es bei der Vergabe von leitenden Positionen ebenso zu sein, zumindest hat es in den vergangenen Monaten einige diesbezügliche Meldungen gegeben. So hat etwa der Sieger des Wettbewerbs zur Besetzung des Direktorenpostens im Amt für Jagd und Fischerei den Auftrag nicht angenommen – aus „persönlichen Gründen“, wie es in einer Aussendung des Landespresseamtes hieß. Und auch die Siegerin des Wettbewerbs um die Direktion des Amtes für Versuchswesen II des Land- und Forstwirtschaftlichen Versuchszentrums Laimburg trat zurück; die renommierte Wissenschaftlerin, eine in Wien lehrende Südtirolerin, lehnte laut Auskunft des Versuchszentrums Laimburg ab, weil ihre akademische Laufbahn in der Landesverwaltung nicht angemessen anerkannt werden konnte (siehe auch beigestellte Infobox).
„Es kommt“, sagt Hanspeter Staffler, Generaldirektor des Landes, „durchaus vor, dass Wettbewerbssieger den Führungsauftrag schließlich nicht annehmen. Aber es ist in jüngerer Vergangenheit mit Sicherheit keine Häufung solcher Fälle zu beobachten.“ Die zwei genannten Beispiele hätten besondere Aufmerksamkeit auf sich gezogen, weil es sich um zwei Ämter mit großer Außenwirkung handle. „Es gibt in Südtirol rund 12.000 Fischer und etwa 6.000 Jäger – dementsprechend hoch ist das Interesse am zuständigen Amt. Ähnlich ist es mit der Laimburg, dem landwirtschaftlichen Aushängeschild des Landes, auf das die gesamte Landwirtschaft schaut“, führt Staffler aus.
Beide Führungspositionen mussten neu ausgeschrieben werden, weil die Verfahren bei der Ausschreibung von Amtsdirektionen mit einem Gewinner enden und nicht mit einer Rangordnung. Dies bedeutet, dass es keinen Zweit- und Drittgereihten gibt. Betroffene Ämter werden – bis zur Ausschreibung eines neuen Wettbewerbs zur Kür eines neuen Siegers und dessen Annahme des Führungsauftrags – geschäftsführend geleitet.
Doch warum ist das System so? Warum wird keine Rangliste erstellt und bei Absage des Siegers auf den Nächstplatzierten „zurückgegriffen“? „Früher gab es so eine Rangordnung, allerdings war das mit mehr Nach- als Vorteilen verbunden“, so Staffler. Die hinter einem Wettbewerbsgewinner Gereihten seien in einen Pool übernommen worden und hätten dadurch die Möglichkeit gehabt, andere, später ausgeschriebene Amtsdirektionen zu übernehmen. „Doch weil die Arbeit der Amtsdirektoren sehr fachspezifisch ist, hat kaum einer aus dem Pool dann auch tatsächlich eine andere Führungsaufgabe übernommen bzw. überhaupt eine auf die persönlichen Fähigkeiten und Kompetenzen passende angeboten bekommen“, sagt Staffler. „Das hat zu Frustration und Enttäuschungen geführt. Deshalb hat man das System geändert.“
Der Generaldirektor schätzt, dass ein Wettbewerb für eine Amts- oder Abteilungsdirektion die Landesverwaltung alles in allem etwa 5.000 Euro kostet. „So ein Auswahlverfahren ist schon ein großer Aufwand, aber eine Struktur wie die Landesverwaltung muss das aushalten – besonders wenn sie die fähigsten Kandidaten für leitende Positionen finden möchte“, sagt Staffler.
Die Suche nach und vor allem das Finden von passenden Mitarbeitern für leitende und verantwortungsvolle Positionen ist also nicht immer einfach – ganz egal, ob in einem privaten Unternehmen oder in der öffentlichen Verwaltung.
Simone Treibenreif



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