Langeweile am Arbeitsplatz

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Samstag, 3. April 2010

Sie blicken auf die Uhr. Noch zweieinhalb Stunden bis Geschäftsschluss. Sie richten zum X-ten Mal an diesem Nachmittag die Kleider in der Auslage zu recht. Geändert hat sich an der Ordnung aber nichts, denn seit zwei Stunden hat kein Kunde das Modegeschäft betreten. Oder sitzen Sie an Ihrem Arbeitsplatz und sind für die telefonische Kundenbetreuung zuständig. Kein Anruf ist in den letzten Stunden eingegangen. Sie surfen im Internet oder spielen Sudoku. Es ist echt mühsam, die Zeit will nicht vergehen. Von den 40 Wochenstunden die Sie arbeiten müssen, sind Sie höchstens 20 beschäftigt. Die übrige Zeit nutzen Sie privat und warten bis die Zeit abläuft. Sie sind unzufrieden! Man möchte es nicht glauben, solche Situationen sind aber keine Seltenheiten. Sie kommen öfter vor als wir uns denken.

Stress am Arbeitslatz hingegen gehört zum guten Ton. Wer sich vor Arbeit kaum retten kann, der gilt als fleissig und engagiert. Teils wird sogar das Burnout mit einem „anerkennenden Unterton“ bedauert. Doch ein Arbeitnehmer, welcher sich langweilt, das gilt noch immer als Tabuthema. Schließlich liegt gleich der unschöne Verdacht der „Faulheit“ nahe. Damit hat das aber meistens nichts zu tun. Untersuchungen belegen, dass sich fast jeder siebte Mitarbeiter angesichts seiner Qualifikation unterfordert fühlt. Unterforderung, Langeweile und Desinteresse kennzeichnen den Zustand der Unzufriedenheit am Arbeitsplatz, den man als Boreout bezeichnet. Boreout kann als Gegenstück von Burnout bezeichnet werden, auch wenn sich Verhaltensweisen sehr ähneln. Arbeitnehmer, die von einem Boreout betroffen sind, wirken nach außen hin meist sehr beschäftigt, obwohl sie sich eigentlich langweilen. Um diesen Umstand zu vertuschen, wird der Versuch unternommen, Arbeit mittels verschiedener Strategien vorzutäuschen. Aufgaben werden unnötig in die Länge gezogen, mehrmals wiederholt oder Ähnliches. Ferner sind es oft gerade diese Personen, welche letztendlich über eine zu hohe Belastung klagen. Gestresst sein ist immerhin groß in Mode und wer gestresst ist, der leistet ja auch etwas. Oft leider auch ein großer Irrglaube.

Fehlt dauerhaft die Sinnhaftigkeit im Berufsalltag, so fühlen sich Mitarbeiter unterfordert, sind gelangweilt oder desinteressiert. „Symptome“, die den Boreout charakterisieren. Wie kann sich ein derartiges Phänomen in unserer Leistungsgesellschaft überhaupt entwickeln? Die Gründe dafür können mehrere sein. Sicherlich ist es zum einen die falsche Berufswahl. Leider informieren sich viele Arbeitssuchende nicht gründlich genug hinsichtlich ihres zukünftigen Aufgabengebietes zum Umfeld und der Kultur im Unternehmen. Oft sind es aber auch die Vorgesetzten oder die Unternehmen selbst, die nicht die Fähigkeit besitzen, Arbeiten zu delegieren. Lieber machen sie bestimmte Arbeiten selber, bevor sie etwas an die Mitarbeiter weitergeben. Auch nehmen sie sich nicht die Zeit, ihre Mitarbeiter einzuführen und auszubilden, sodass sie in einem zweiten Moment in der Lage wären, bestimmte auch wichtige Aufgaben zu übernehmen. Der Unterforderte leidet folglich oft unter der mangelnden Auslastung und Anerkennung. Die Konsequenzen: Unzufriedenheit, Frustration und Antriebslosigkeit. Oft kann der Boreout sogar bis zur Depression führen.

Mit Faulheit hat der Boreout jedenfalls eher selten zu tun. Häufig möchte der Betroffene mehr arbeiten und auch qualifiziertere Aufgaben als bisher übernehmen. Bloß lässt ihn die Firma nicht. Ein offenes und ehrliches Gespräch mit dem Vorgesetzten ist sicherlich der erste richtige Schritt. Sicherlich hindert die Angst vor dem Jobverlust den Arbeitnehmer, über Langeweile zu sprechen, aber es bleibt einem keine andere Wahl. Wichtig ist dass man im Vorfeld genau folgendes analysiert hat: „Warum langweile ich mich? Ist es Unterforderung? Oder Desinteresse an meiner Tätigkeit?" Wer einer Arbeit nachgeht, die ihn nicht interessiert, gerät leicht in die Boreout-Mühle. Ist man davon überzeugt, dass die Langeweile nichts mit seiner Einstellung zur Arbeit zu tun hat und dass man an seinen Aufgaben an seiner aktuellen Situation nichts ändern kann, hilft nur noch eines: Den Arbeitsplatz zu wechseln!


von Dr. Hannes Mair
Dolomiten-Beilage M@rkt vom 03.04.2010



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